Trauer und Trauerarbeit:
Vor allem, wenn es um die Themen Trauer, Tod, Sterben und Verlust geht, tun sich die Menschen in bestimmten Gesellschaften, so wie der Unserigen, ziemlich schwer. Viele mögen darüber nicht reden/sprechen und davon nichts wissen. Es entsteht so der Eindruck, als ob diese Themen aus dem Sprachgebrauch und dem alltäglichen Leben völlig verbannt wären. Viele Menschen tun und unternehmen alles, um sich damit nicht zu befassen bzw. befassen zu müssen. Denn diese Themen machen Angst, viel Angst!
Wenn von Trauer geredet wird, dann meistens im Zusammenhang mit Tod und Sterben. Dabei ist der Trauerprozess ein ständiger Begleiter in unserem Leben, da es zu verschiedenen Arten von Trennung und Verlust kommt, die in uns immer wieder Trauer auslösen. Die Trauerarbeit ist oft ein wichtiger Bestandteil jeder Art von Psychotherapie, denn viele müssen sich von früheren und aktuellen Sehnsüchten, Wünschen, Bedürfnissen, Illusionen usw. für immer verabschieden und erleben dabei eine tiefe Trauer. Manches an Träumen und Vorstellungen ist für immer vorbei, und das hinterlässt eine tiefe Trauer, die unbedingt ver- und bearbeitet werden muss.
Was die Trauer im Zusammenhang mit Tod und Sterben angeht, so wird jeder Mensch im Laufe seines Lebens irgendwann einmal mit dem Tod eines nahen Angehörigen und der Trauer über seinen Verlust konfrontiert. Der Tod ist -wie die Geburt- ein Teil, der letzte Teil unseres Lebens und wir können ihn nicht umgehen. Gefühle, die Menschen bisher nie oder nie in dieser Stärke erlebt haben, bestimmen plötzlich ihr Leben. Viele glauben, solche Gefühle nicht ertragen oder aushalten zu können, abnormal zu sein oder eines Tages "noch verrückt zu werden". Damit Menschen sich Ihren Gefühlen und Körperreaktionen, die die Trauer begleiten, nicht hilflos ausgeliefert fühlen, möchte ich Ihnen die verschiedenen Phasen des Trauerprozesses ausführlich erläutern und beschreiben.
Es werden in der Regel 4 Phasen der Trauerarbeit durchlaufen, bis Menschen sich wieder in einem seelischen und körperlichen Gleichgewicht befinden, d. h. den vorherigen Zustand annähernd wieder erreichen können. Die einzelnen Trauer-Phasen, die trauernde Menschen durchlaufen, können sich überlappen, zusammenfallen und sich miteinander vermischen.
Die 4 Stadien der Trauerbewältigung
1. Phase der Trauer: Nicht-Wahrhaben-Wollen und Verleugnung
In der ersten Phase der Trauerarbeit wollen betroffene Menschen nicht wahrhaben, dass der ihnen so sehr am Herzen liegende und nahe stehende Mensch gestorben ist und sie für immer verlassen hat. Sie stehen wie unter einem Schock oder bewegen sich wie in Trance.
2. Phase der Trauer: aufbrechende Gefühle
Trauernde Menschen geben die Hoffnung auf und verspüren den vollen Schmerz, die Hilflosigkeit und die Verzweiflung. Sie leiden unter z. T. unerträglichen und kaum auszuhaltenden Gefühlsschwankungen, fangen aus heiterem Himmel an zu weinen. Ihr Körper ist völlig aus dem Gleichgewicht, sie drehen sich im Kreis. Sie können nicht mehr schlafen oder kommen kaum noch aus dem Bett, können nicht ruhig sitzen oder sich kaum noch von der Stelle bewegen, sie schlingen wahllos Essen in sich hinein oder bekommen keinen Bissen hinunter (d. h. sie verspüren keinen Appetit und wirken völlig apathisch). Sie können keine Freude mehr empfinden. Sie glauben, nie mehr wieder glücklich sein zu können, hadern mit dem Schicksal, "warum das ihnen gerade passieren musste", "warum ausgerechnet jetzt", "womit sie das bloß verdient haben", "warum die oder die Person". Sie beneiden andere Menschen, die einen geliebten Menschen behalten dürfen, reagieren gereizt, wenn ihnen jemand sein Beileid ausspricht oder ihnen seine Hilfe anbietet. Die Gedanken kreisen ununterbrochen darum, was sie nie mehr gemeinsam mit dem verstorbenen Menschen erleben werden oder können. Das alltägliche Leben erscheint ihnen wie ein Film, an dem sie nicht mehr teilhaben können, manchmal sogar auch wollen. Diese Phase ist erfahrungsgemäß die schmerzlichste und schwierigste Phase in der Trauerbewältigung. Darin sind die betroffenen und trauernden Menschen ganz besonders verzweifelt und verwundet.
3. Phase der Trauer: langsame Neuorientierung
In dieser Phase fangen die betroffenen Menschen langsam wieder an, sich nach außen zu orientieren. Sie können sich zeitweise wieder konzentrieren, auch mal an etwas erfreuen. Trauer und Hadern lassen langsam nach und sind nicht mehr so intensiv. Es bestehen jedoch noch starke Stimmungsschwankungen. Der Körper gelangt langsam wieder zu seinem normalen Rhythmus.
4. Phase der Trauer: neues Gleichgewicht
Menschen zwar immer noch mit Wehmut, doch sie sehen vertrauensvoll in die Zukunft. Sie erkennen und akzeptieren allmählich, dass sie den verstorbenen Menschen nie ersetzen und vergessen werden können, aber sie lenken den Blick vermehrt auf das, was sie jetzt im Leben noch haben könneEin neues körperliches und seelisches Gleichgewicht stellt sich ein. Das Denken an die Vergangenheit erfüllt die betroffenen n. Sie haben sich evtl. eine neue Lebensaufgabe gesucht und sich neue Fähigkeiten zugelegt, die Alltagsaufgaben zu bewältigen. Die Trauerarbeit ist somit beendet.
Die einzelnen Phasen der Trauer werden nicht automatisch durchlaufen. Da die Menschen unterschiedlich trauern, kann es sein, dass der eine oder andere in irgendeiner dieser o. e. Phasen für eine bestimmte (kürzere oder längere) Zeit stecken bleibt bzw. verharrt. Manche Menschen bleiben und leben in der Vergangenheit: "Wie schön wäre es, wenn alles noch so wäre (so geblieben wäre)wie früher". Andere wiederum verbringen den Rest ihres Lebens damit, mit ihrem Los und Schicksal zu hadern: "Warum musste das ausgerechnet mir passieren!" Einige Menschen drücken ihre Trauer nicht aus, sondern unterdrücken sie mit Tabletten, Drogen oder Alkohol, andere reagieren mit psychosomatischen Beschwerden. Alkohol und Medikemante sind vorrübergehend eine Form der Trauerhilfe. Auf Dauer behindern sie jedoch die Trauerarbeit. Und auch der Zeitfaktor alleine ist keine Trauerhilfe und er erleichtert die Trauerarbeit keineswegs.
Generell gehen Menschen unterschiedlich mit Trauer und Trauergefühlen um; interessant in diesem Zusammenhang sind jedoch vor allem die Unterschiede zwischen den sog. "zivilisierten" Gesellschaften in Europa und Amerika und den Gesellschaften in anderen Kontinenten, z. B. Afrika oder Asien. Bei einem Trauerfall infolge eines Todes z. B. hier in Europa wird Menschen oft der Zugang zu ihrer Trauer aufgrund bestehender "Reglen und Normen", wie getrauert würde, eher erschwert. Es wird von den nahen Angehörigen einiges erwartet: "Man muss star sein", man muss mit seinen Gefühlen umgehen können", "man kann nicht das ganze Leben trauern", "das Leben geht weiter", man kommt bald und schnell darüber hinweg", "man soll sich nicht hängen lassen" usw.
Andere außereuropäische Völker gehen mit dem Tod ganz anders um. All das, was ein Mensch in seinem Körper während der Trauer erlebt, aber z. B. hier in Europa kaum ausgedrückt werden darf, ist dort gestattet oder wird sogar erwartet und gefördert: Es ist wichtig und gut zu klagen und zu weinen, nicht zu arbeiten, nicht zu schlafen, nicht zu essen, sich von anderen Menschen zurückzuziehen, sein Äußeres zu vernachlässigen. Bestimmte Rituale helfen den Betroffenen, ihre Trauer auf sozial anerkannte Weise zum Ausdruck zu bringen, so dass sich keine schwere Depression oder andere krankhafte Prozesse entwickeln können. Gefühle der Trauer zuzulassen ist ein notwendiger Bestandteil der Trauerarbeit.#
Ein notwendiger und gesunder Weg durch die Trauer bis zu einem neuen Gleichgewicht dauert bei den meisten Menschen in der Regel ca. drei bis fünf Jahren. Aus diesem Grund ist es immens wichtig zu lernen, zunächst die aufkommenden Trauer- und Verlassenheitsgefühle zuzulassen und zu akzeptieren. Alles, was gezeigt wird, ist zunächst wichtig und vor allem Okay. Alles, was auftreten könnte, hat seine Bedetung und und seinen Platz, Gefühle der Verlassenheit, der Hilflosigkeit, der Verzweiflung und des Schmerzes sollten nicht mit Tabletten, Drogen, Alkohol oder Süßigkeiten betäubt werden. Ein Tagebuch z. B., dem ein Mensch Tag und Nacht all seine Verzweiflung anvertrauen kann, kann viel Gutes bewirken und eine große Hilfe sein.
So wichtig aber, Gefühle und Schmerz zuzulassen, ist es auch wichtig, sich immer wieder bewusst zu machen, wen und was man glücklicherweise noch hat. Ich arbeite in meinen Therapien bewusst so, dass ich die Menschen darin bestärke, alle Gefühle, auch die vermeintlich negativen Gefühle, gegenüber einem verstorbenen Menschen zuzulassen. Es ist wichtig zu jammern, zu klagen, zu weinen, ggf. auch zu schreien und sich evtl. sogar fallenzulassen. Gleichzeitig gehe ich gezielt auf mögliche Klagen der Menschen ein bezüglich ihrer aufgeworfenen Fragen: "Warum jetzt", "warum sie/er", "warum hier" usw. Wenn wir über das "Warum jetzt" reden, frage ich bewusst, ob es demjenigen auch klar und bewusst wäre, dass dies auch viel früher hätte passieren können, z. B. direkt nach der Geburt, in der Kindheit, Jugend etc., ich versuche den Betroffenen zu verdeutlichen, dass der Verstorbene sogar viel Zeit gewonnen hätte, wenn man es von der Warte aus betrachten würde. Jeder bisher gelebter Tag war ein gewonnener Tag. Wir versuchen uns dann den Gewinn und weniger den Verlust anzuschauen. Bei der Frage nach dem "Warum sie/er, gehe ich ähnlich vor; ich stelle die Frage, wem der Betroffene denn lieber von der Familie gehabt hätte an Stelle des/der Verstorbenen. Hier reden wir darüber, dass es wirklich nicht darum geht, wer gestorben ist, sondern wie es uns damit ginge. Und bei der Frage nach dem "warum hier" auch entsprechend wo denn sonst lieber!
Ich denke, dass solche Fragen Menschen oft davon abhalten, wirklich ihre natürlichen, nachvollziehbaren und gesunden Trauergefühle zuzulassen und zum Ausdruck zu bringen. Ich habe gelernt, dass es wichtig ist, immer dankbar zu sein für alles, was ich habe, was ich bin und was mir passiert ist, denn es ist manchmal sehr schwer, bestimmte Sachen zu verstehen und zu akzeptieren, vor allem dann, wenn wir sie nicht verstehen können. Egal, was uns passieren könnte, es könnte immer eine noch negativere Steigerung geben, insofern können wir bei allem, was uns zustoßen könnte, dankbar sein, dass es nur dabei geblieben ist. Es ist eine grundsätzliche Haltung, die ich versuche zu vermitteln, ich bemühe mich sehr, sie meinen Klienten zu vermitteln. Wir wissen sehr oft nicht, warum und wozu etwas doch sein Gutes hat.
Trauerprozesse helfen in der Therapie oft, sich neu zu besinnen und neu zu orientieren. Insofern bieten sie Menschen ständig die Möglichkeit, sich mit ihrem bisherigen Leben auseinanderzusetzen. Es ist völlig okay, wenn ein Mensch so traurig oder verzweifelt wird, wenn ihm bewusst wird, was er alles so nicht bekam, was er verloren hat und dass bestimmte Sachen nicht mehr rückgängig gemacht werden können. Es ist wichtig, den dazugehörigen Schmerz zu verspüren, um endlich Abschied von Vergangenem nehmen und einen Schlussstrich ziehen zu können. Nur dann wird ein Mensch wirklich frei, nur dann ist er eröst von seinem Leid.